Nachruf

Nachruf auf Padre Alberto Ramirez

Wir trauern um Padre Alberto Ramirez, der am 31. März  2015 im Alter von 75 Jahren in Medellin/Kolumbien nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben ist. Wir trauern um den Initiator und Ideengeber unseres Vereins, um einen herausragenden Theologen, vor allem aber um einen liebevollen und warmherzigen Freund. Er hat uns gelehrt, dass Hilfe für andere eine Bereicherung für das eigene Leben ist.

Alberto Ramírez Zuluaga wurde 1940 als zweites von acht Kindern in Medellín geboren. Er studierte am Priesterseminar in Medellín Theologie und reiste im Oktober 1962 zusammen mit seinem Mitstudenten David Kapkin nach Bamberg, um am dortigen Priesterseminar ein Aufbaustudium zu absolvieren und Deutsch zu lernen. Dem sprachbegabten Alberto fiel das Lernen leicht, genauso schnell schloss er Kontakte. Als die Familie Winkler aus Weißenohe/Franken ihn und David einlud, mit ihnen den Heiligen Abend zu verbringen, wurde dies der Beginn einer lebenslangen, herzlichen Freundschaft. Über drei Jahrzehnte sollte er von da an jährlich nach Weißenohe zurückkehren, wo er zunächst gemeinsam mit dem Ortspfarrer, später alleine Gottesdienste gestaltete, Taufen und Beerdigungen zelebrierte und sein Leben eng mit der Pfarrgemeinde St. Bonifatius verband.

1963 feierte Alberto seine Primiz in Bamberg, danach reiste er nach Belgien, um mit Hilfe eines Stipendiums an der Universität Löwen in Theologie zu promovieren. Mit seiner Doktorarbeit erwarb er sich die besondere Anerkennung der theologischen Fakultät in Löwen, die ihn von da an bis ins Jahr 2000 regelmäßig als Gastprofessor einlud, um Seminare für belgische Theologiestudenten abzuhalten.

1968 reiste Alberto zurück nach Medellín/Kolumbien, wo er an der Kirchlichen Universität Bolivariana die theologische Fakultät aufbaute und bis zu seinem Tod dort lehrte und forschte. Zusammen mit anderen Kollegen richtete er einige Jahre später an der Staatlichen Universität Antioquiain Medellín das Ergänzungsfach „Bibelstudien“ ein und  arbeitete dort als Lehrstuhlinhaber bis in die 80er Jahre. Daneben lehrte er an verschiedenen Fortbildungsakademien in Medellín und Bogota. Seine Weggefährten bezeichnen ihn als einen der profiliertesten Theologen Kolumbiens. Er war ein Vollbluttheologe, der sich schwerpunktmäßig mit den Grundlagen des Glaubens, der Dogmatik beschäftigte. Geprägt hat ihn das 2. Vatikanische Konzil mit der Leitlinie „Gaudium et spes“ - “Die Freuden und Hoffnungen, Sorgen und Nöte der Menschen sind auch die der Kirche“.

Auch mit der Befreiungstheologie, die sich in Lateinamerika als „Stimme der Armen“ verstand, setzte sich Alberto auseinander. Er unterstützte den bekannten Befreiungstheologen Federico Carrasquilla, der in einem Elendsviertel in Medellin gemeinsam mit Bedürftigen lebte und dort eine „Kirche der Armen“ gründete. Alberto nutzte die engen Kontakte zu Europa und half Carrasquilla und den Bedürftigen in Medellín auf seine Weise. Er bat um Spendenpakete mit Kleidern und Medikamenten aus Europa und motivierte Medizinstudenten, kostenlose Sprechstunden zu halten. Er besuchte die Menschen, die am Rand einer Müllkippe in Hütten lebten, rief Patenschaften mit europäischen Familien ins Leben und hatte immer ein offenes Ohr für Bedürftige. Gemeinsam mit den Klosterschwestern um Madre Marta Inez mietete er im Elendsviertel Niquitao ein Haus, wo Menschen, die auf der Straße leben mussten, gebrauchte Kleider und ein Essen erhielten und duschen konnten. Seine jährlichen Reisen nach Löwen nutzte er, um Spenden zu sammeln. Stets machte er einen Abstecher nach Deutschland und konnte sichergehen, dass „seine“ Weißenoher Pfarrgemeinde, aber auch die Pfarrgemeinde St. Magdalena in München-Ottobrunn, mit der er über die engen Kontakte zur Familie Scharl verbunden war, ihn nach Kräften unterstützte.

Als brillanter Universitätsgelehrter hätte Padre Alberto sich in seinen Elfenbeinturm zurückziehen können, aber Handeln war für ihn das oberste Prinzip. Er ließ sich anrühren vom Leid der Menschen und gab weiter, was er erübrigen konnte. Mit der Gründung des deutschen Vereins „Padre Alberto  Ramirez Kolumbienhilfe e.V.“ 1995, der das Sozialwerk „Fundacion solidaria La Fraternidad“ (Solidarische Stiftung „Brüderlichkeit“) in Medellín finanziell unterstützt, wurde ein wichtiges Ziel erreicht. 1998 wurde mit Hilfe von Konrad Scharl das Stiftungshaus gekauft. Mitten in Niquitao entstand ein Zufluchtsort, wo notleidende Menschen nicht nur mit einem Glas Tee und einem Gespräch empfangen wurden, sondern bis heute die Möglichkeit haben, kostenlos ein Handwerk zu erlernen. Ein großes Anliegen waren Padre Alberto auch die Kinder, die hier unterrichtet werden. Obwohl er die Organisation alsbald in die bewährten Hände der Geschäftsführerin Sofia Ortiz übergab, schaute er fast täglich in der Fundacion nach dem Rechten.

Es war diese Mischung aus geistiger Wachheit und tief empfundenen Mitgefühl für jeden Menschen die Padre Alberto zu etwas Besonderem machten. Mit seiner charismatischen, aber sehr bescheidenen Art nahm er Fremde und Freunde für sich ein. Er lebte eine beispiellose Toleranz vor und konnte jeden so annehmen, wie er war.  Er achtete seine wohlhabenden Freunde genauso ernsthaft wie die Straßenjungen, die an den Ampeln in Medellin jonglieren, die Kunststücke mit Fußbällen zeigen, ungefragt Autoscheiben putzen oder Kaugummis anbieten. Alberto kaufte geduldig und reichte unermüdlich Münze um Münze aus dem Autofenster, und wenn er nach der zehnten Ampel kein Kleingeld mehr in der Mittelkonsole fand, dann klopfte er fieberhaft seine Taschen und die Weste ab, bis er vielleicht doch noch etwas entdeckte, was er hergeben konnte.

Gesine Hirtler-Rieger, Padre Alberto und Sofia Ortiz
Padre Alberto mit Sonia Carbajal, Verwaltung
Padre Alberto und Anita Marin, Lehrerin

Alberto wird uns fehlen, sein liebenswürdiges Wesen und sein Lächeln.
Eine kindliche Freude strahlte aus ihm heraus. Das Feuer, das ihn wärmte, war sein unerschütterliches Vertrauen in Gott, aber auch der Glaube an den göttlichen Funken in jedem Menschen.

Gesine Hirtler-Rieger im Namen des Vorstands

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